Was ist eine Streuobstwiese ?

Als Streuobstwiese bezeichnen wir die traditionelle Form des Obstbaus, bei dem Hochstämme verschiedener Obstarten und -sorten , Alters- und Größenklassen auf Grünland stehen und den Eindruck vermitteln, als ob die Bäume zufällig über die Wiese "gestreut" seien. Auf diese unregelmäßige Anordnung und Zusammensetzung der Baumbestände bezieht sich der Name Streuobstwiese. Er hat nichts mit den - für die Obstbäume meist viel zu nassen - Streuwiesen zu tun. Diese haben ihren Namen vom Mähgut, das wegen seiner schlechten Futterqualität nur als Streu in den Viehställen verwendet werden konnte.


Ökosystem

Der Lebensraum - Biotop - und die in ihm wohnende Lebensgemeinschaft - Biozönose -bilden durch ihr Zusammenwirken ein Ökosystem.
Ein naturnahes Ökosystem reguliert sich weitgehend selbst.


Ökologische Bedeutung der Streuobstwiese

Es handelt sich um eine besonders wertvolle Lebensgemeinschaft von Baum- und Krautschicht.
Da keine chemische Bekämpfung erfolgt, vermögen sich allein auf Apfelbäumen rund 1000 Arthropoden-Arten (Gliederfüßler) anzusiedeln. Von ihnen fressen etwa 300 direkt an der Wirtspflanze, weitere 200 sind Räuber, 300 Parasiten und die restlichen 200 ernähren sich von Honigtau oder Epiphyten. Viele Tierarten bzw. ihre Entwicklungsstadien sind an das gleichzeitige Vorhandensein von Bäumen und blütenreichen Wiesentypen gebunden.


Geschichte

In spätantiker Zeit um 200 n. Chr. führten römische Soldaten den Obstbau an der Mosel ein. Damals kannte man schon 40 verschiedene Birnensorten. Der Obstbau war hausnahen Grundstücken vorbehalten.

Eine Landgüterverordnung Karls des Großen aus dem Jahre 812 schreibt ausdrücklich den Anbau verschiedener Obstgehölze vor. Vor allem die karolingischen Güter und Meierhöfe, sowie die traditionellen Klostergärten führten den Obstbau fort. Insbesondere in günstigen Tallagen von Rhein, Main und Neckar sowie den Rändern der Mittelgebirge entstanden besonders ab dem 15. Jahrhundert Obstbauregionen, die sich auch im 18. und 19. Jahrhundert weiter ausbreiteten. Es sind Verordnungen überliefert, wonach jeder ansässige Bürger, jeder Zuzügler und jeder Heiratswillige eine bestimmte Anzahl Birnen- Kirsch- Apfel- und Zwetschgenbäume entlang von Flurwegen und Landstraßen pflanzen und pflegen mußte. Dörfer waren umgeben von Obstwiesen, baumgesäumten Wirtschaftswege führten zur Ackerflur hin. Es entstanden regelrechte Streuobstlandschaften, besonders in der Region Südwestdeutschland.

Mit dem Aufkommen moderner Produktionsverfahren, der Verteuerung menschlicher Arbeitskraft und unter dem Kostendruck ausländischer Einfuhren erwiesen sich die traditionellen Strukturen jedoch zunehmend als unwirtschaftlich. Mitte der 50iger Jahre fanden deshalb umfangreiche Rodungen statt, die seit Gründung der EWG (1957) sogar mit Prämien honoriert wurden und zwar insbesondere dort , wo Gelände, Klima und Bodenverhältnisse eine Umstellung auf wirtschaftliche Niederstammplantagen zuließen.

Dennoch ist der mengenmäßige Ertrag des Streuobstanbaus auch heute noch in seiner Gesamtmenge deutlich der Ernte aus Niederstammplantage überlegen.

Von Streuobstbeständen geht zu allen Jahreszeiten ein hoher ästhetischer Reiz aus. Die Blüte im Frühjahr ist eines der spektakulärsten Ereignisse im Jahresablauf der bäuerlichen Kulturlandschaft. Im Sommer stehen die Laubkronen inmitten blühender Wiesen, in warmen Farbtönen bereichern die verfärbten Obstgehölze die Landschaft im Herbst und belohnen mit reifen Früchten.

Streuobstwiesen sind wiesenähnliche Bestände mit Hochstammobstbäumen alter Sorten von Kern- und Steinobst. Aufgrund ihrer Kronendurchmesser haben die einzelnen Bäume untereinander einen Abstand von 9-12 Metern. Alte Apfel- und Kirschbäume erreichen Höhen von 10 Metern, Pflaumenbäume bleiben meist im Größenbereich bis zu
8 Metern.

Streuobstwiesen weisen verschiedene Altersklassen auf ( 1-7, 8-20 und 21-60 Jahre). Pro Hektar liegt die Bestandsdichte bei 80 - 120 Bäumen. Die Altersklassenverteilung, die räumliche Mischung und die Höhenschichtung machen den enormen ökologischen Wert aus.

Jeder Baum ein Lebensraum. Die Stockwerkfolge einer Obstwiese vom Wurzelhorizont der Gräser und Kräuter, die verschiedenen Teilbereiche der Bäume bieten vielerlei Lebensmöglichkeiten. Sie kommen den unterschiedlichen Biotopansprüchen der Lebewesen sehr entgegen.

In einer etablierten Streuobstwiese finden wir eine überraschende Fülle tierischer Bewohner und Besucher.





Artenschutz und Genreservoir

Mit über 5.000 Tier- und Pflanzenarten gehören Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Ein Streuobstbaum bietet mit mehreren Stockwerken Lebensraum für seltene Vögel, Kleinsäugetiere und Insekten. Spitz- und Feldmaus leben an seiner Wurzel, der Igel findet dort ein geeignetes Versteck. Der Baumläufer sucht am Stamm nach Nahrung, Holzkäfer und -wespen bohren ihre Bruthöhlen, der Specht hämmert sich eine Nistststätte und leistet damit den Baumfledermäusen wertvolle Dienste, die seine verlassene Höhle später beziehen. Im Geäst alter, knorriger Bäume brüten der Steinkauz und der Wendehals. Der in machen Bundesländern bereits ausgestorbene Rotkopfwürger, Siebenschläfer, Steinmarder und die für Streuobstwiesen charakteristischen Gartenschläfer jagen hier.


Warum sind Streuobstwiesen wertvoll?

Gab es in den 60iger Jahren noch 3,5 Millionen Obstbäume, so ist der Bestand heute auf rund 1 Million zurückgegangen. Erst in den letzten Jahren findet die Streuobstwiese wieder Beachtung durch den engagierten Einsatz von Naturschützern. Längst hat man erkannt, daß die Streuobstwiesen ein einzigartiges Biotop darstellen.
Kaum eine andere landbauliche Kulturform wirkt in gleicher Weise schonend
auf Boden und Gewässer. Dank der ganzjährigen Bodenbedeckung und dichten Durchwurzelung verhindern Streuobstwiesen den Bodenabtrag in Hanglagen. Gleichzeitig wird auch der Nährstoffeintrag in Gewässer unterbunden. Da im Streuobstanbau kaum Herbizide und Pflanzenschutzmittel angewandt werden müssen, schützen und schonen sie die Pflanzen- und Tierwelt. Im Laufe ihrer Entwicklung sind die Streuobstwiesen zum Lebensraum für viele Tiere- und Pflanzenarten geworden. Zum einen stellen die Wiesen in ihrer " savannenartigen" Struktur ein vielfältiges Mosaik verschiedener Kleinlebensräume dar; zum anderen verursachen die extensiven Bewirtschaftungsmaßnahmen einen geringeren Einbruch in die Lebensbedingungen der Tier- und Pflanzenarten. Am augenfälligsten ist der größere Artenreichtum in der Zusammensetzung des Unterwuchses erkennbar. Bunt blühende Kräuter, Veilchen, Schlüsselblumen, Margeritten, Witwenblumen, Wiesenbocksbart, Klappertopf, Glockenblume, Flockenblume und Wiesensalbei sind typisch für das Bild der Streuobstwiese.

Nur wenige Landschaftsformen haben für unsere Erholung eine vergleichbare Attraktivität. Als aufgelockerte Obstwiesen oder abwechslungsreiche Grüngürtel sorgen Streuobstbestände für willkommene Abwechlung in unseren immer eintöniger werdenden Landschaften.
Schließlich tragen die Streuobstwiesen auch zur Verbindung von Lebensräumen
(Biotopverbund) bei und dienen durch ihren Reichtum an blühenden Kräutern nicht nur zur Zeit der Obstblüte als Bienenweide. Mit ihrer Sortenvielfalt bilden die Baumbestände zudem ein reichhaltiges Genreservoir.


Pflanzenschutz durch Artenvielfalt und Vorbeugung

Hecken dienen zum Windschutz und bereichern die Biotopvielfalt. Vielen "Nützlingen" bieten sie Rückzugs- und Nistmöglichkeiten.
Auf die im Erwerbsobstbau üblichen Biozideinsätze kann der Streuobstbau verzichten, wenn er die vorbeugenden biologischen Möglichkeiten des Pflanzenschutzes ausschöpft:
1. Auswahl anspruchsloser widerstandsfähiger Obstarten und - sorten.
2. Wahl geeigneter Standorte.
3. Fachgerechte Pflanzung und Pflege.
4. Förderung der Artenvielfalt und damit der natürlichen Gegenspieler schädlicher Organismen wie z. B. Vögel und Kleinsäuger durch naturnahe Gestaltungselemente und Nisthilfen.
5. Biotechnische Pflanzenschutzmaßnahmen: Leimringe zur Frostspannerbekämpfung, Lockfallen für Wicklerarten, Kalkmilchanstrich gegen Frostschäden.


Die Mahd der Streuobstwiese

Der Lebensraum "Wiese" bedarf regelmäßiger Bewirtschaftung, das heißt der Mahd, um sich in seiner charakteristischen Form entwickeln zu können.
In der Regel ist ein zweimaliger Schnitt der Wiese erforderlich. Der erste Schnitt erfolgt Anfang Juli, der zweite Schnitt am besten kurz vor Beginn der Obsternte im September.Der jeweilige Zeitpunkt sollte von Jahr zu Jahr etwa gleich bleiben, um die jeweils standorttypischen Wiesengesellschaften zu erhalten. Zur Förderung blütenbesuchender Insekten kann die Mahd evtl. abschnittsweise erfolgen.
Das Mähgut muß unbedingt entfernt werden. Geschnitten wird auf kleinen Flächen am besten mit der Sense, größere Flächen mit Einsatz eines Balkenmähers.
Die Verwendung der Obstwiesen als Viehweide ist besonders kritisch zu betrachten. Eine intensive Beweidung muß vermieden werden, bei zusätzlicher Weidenutzung müssen die Obstbäume vor Verbiß geschützt werden.

Eine extensive Nutzung als Weide durch kleinrahmige Schafe oder Gänse steht ideal im Einklang mit den Naturschutzzielen. Eine Weidenutzung mit Pferden ist mit den Naturschutzzielen nicht in Einklang zu bringen, Pferde zerstören rasch die Grasnarbe, die Bäume können kaum wirkungsvoll vor ihnen geschützt werden.


Obstverwertung und Zukunft

Bei Hochstammobstbäumen setzen zwischen dem 8. und 15. Standjahr die Obsterträge ein. Im Vollertrag werden jährlich ca. 100 bis 500 kg Früchte pro Baum geerntet. Die anfallenden Erträge können kaum durch Eigenbedarf verbraucht werden. Soll das Obst nicht als Fallobst verfaulen, muß es vermarktet werden.
Der Streuobstbau beginnt langsam wieder Fuß zu fassen. Kreise, Gemeinden und Naturschutzverbände fördern diese umweltverträgliche Landnutzung. Es wurde vom BUND und NABU Aufpreismodelle entwickelt: Sie garantieren den Landwirten für Streuobst Preise, die mit den für Plantagenobst erzielten Einnahmen vergleichbar sind.
Immer mehr Verbraucher setzen auf Streuobstprodukte als aromatische und für die Ernährung wertvolle Alternative zu Plantagenobsterzeugnissen. Ein eigenes Qualitätszeichen wurde entwickelt. Viele Naturschutzgruppen tragen durch Vermarktungsaktionen zum Erhalt der Obstwiesen bei.

"Mosttrinker sind Naturschützer"

Trinken Sie naturreinen Apfelsaft aus Streuobstwiesenanbau, Sie tragen bei zur Erhaltung des artenreichsten Lebensraumes und des Naturgutes Streuobstwiese.